Worte, die wirken

Worte, die wirken

Und wer nicht schläft in guter Ruh,

dem drückt der Preuß die Augen zu

aus: Tannenduft und Totenglocken, Anthologie, Hrsg Anne Grießer

Jetzt liegst du da, mein Schatz, in den Ketten, in die du so viele im Lande gelegt hast. Die du mir so oft angelegt. Nackt bist du, Otto, so nackt, wie dich Gott schuf, auf den du dich immer berufst. Wird er dich retten, dein Gott? Eine feste Burg ist unser Gott, hast du immer gesungen und ich musste mitsingen.  

Heute hasse ich das Lied. Es ist preußisch. Doch niemand wagt, etwas dagegen zu sagen. Nicht mal der Pfarrer und der ist doch katholisch. Mein Schatz, was glaubst du, wie lange wird es dauern? Bis deine feste Burg zerbröselt? Bis der eisige Wind, der durchs Fenster bläst, dich husten lässt, dein Fieber hochtreibt, dir den Schweiß auf die Stirn treibt?

Ich werde dir die Stirn nicht abwischen. Das hab ich zu lange getan. Und zu trinken, wie lange hält der Mensch es aus ohne Wasser?

Du zappelst, das gefällt mir. Früher habe ich gezappelt, genau auf dieses Bett hast du mich immer gebunden. Dann standest du davor, hast dir die Uniformjacke langsam ausgezogen, dein Unterhemd. Halbnackt standest du vor mir und ich sah, wie es anschwoll, dein Glied, Vorfreude, Wollust, die es unter der engen Reithose hervordrängte. Deine Reitpeitsche, du hast sie gegen deine Stiefel geknallt. Anfänglich hast du mich nur gefesselt, später traf sie mich und ein brennender Schmerz zuckte durch meinen Körper. Immer dann, wenn dir klar wurde, dass sie dich nicht mehr brauchen.

Das Käppi hast du nie abgesetzt. Ohne das kannst du nicht. Ohne das bist du ein Nichts und deine Männlichkeit ein Zwerg. Doch wenn du mit der Peitsche gegen die Stiefel geknallt hast, salutiertest, dann wuchs der Zwerg. Du strahltest vor Stolz. Du ließest die Hose fallen.

Wieder und wieder klatschte die Peitsche auf meinen Busen, meine Beine. Ich biss die Zähne zusammen, ich wollte nie schreien. Ich hatte Angst, was würdest du weiter tun? Wohin würde dich deine maßlose Lust am Quälen treiben?

Dabei darf ein Leutnant gar nicht heiraten. Wenn er kein Einkommen hat neben dem Sold. Denn der ist zu gering für eine standesgemäße Lebensführung. Du warst damals Leutnant. Der Leutnant ist mit Preußen vermählt, dafür lebt er, dafür stirbt er. Wenn er zum Hauptmann wird, nach zehn oder fünfzehn Jahren oder zum Major, dann erlaubt ihm der König eine Zweitehe zu führen. Mit einer Frau. Natürlich ist die erste immer noch die wichtigere. Die Ehe mit dem König, mit der Fahne, mit der Ehre.

Warum habe ich mich nie gefragt, wieso du mich heiraten durftest? Du bist nicht vom Adel, hast keine reiche Familie, die dir eine ausreichende Apanage zahlen konnte. Und doch hattest du immer Geld, und doch genehmigte Major Treskow die Heirat. Ich war so dumm, ich glaubte tatsächlich, du seist in mich verliebt. Dabei hat dich der Titel gereizt, du würdest dazugehören, wenn du eine vom Adel heiratest. Selbst wenn es nur badischer Adel ist.

Du schüttelst den Kopf? Ja, schüttle nur, dein Knebel wird dadurch nicht lockerer. Jetzt hast du nichts mehr zu sagen.

Ich weiß es nämlich. Woher dein Geld stammt.

Es ist Blutgeld.

Du hast sie alle besucht, die Gefangenen in Rastatt 1849. Und dann deren Familien. Waren sie reich, hast du Geld von ihnen genommen.

Schüttel ruhig den Kopf, reiß die Augen auf. Ich weiß es jetzt.

Andere hast du angezeigt. Wer an der Revolution teilgenommen hat, dem durfte man die Schulden nicht zurückzahlen. Was für ein Glück für den Grafen Gutmann, er hatte beim Bärenwirt mehrere tausend Taler aufgenommen. Du hast die Belege geliefert, dass der Wirt unter Sigel gedient hat, der Wirt musste fliehen und der Graf war seine Schulden los. 550 Gulden hast du bekommen und das Grundstück, auf dem du dein Haus gebaut hast.

Du bist ein Preuße, durch und durch. Und hast genauestens Buch über alles geführt. Wie viel Geld du bekommen hast. Von den Familien, damit du die Gefangenen freilässt. Denn Rastatt, das war die Hölle.

Cholera, Typhus, sie sind gestorben wie die Fliegen, 1849, 1850. Dabei hatten sie sich ergeben, 1849, die Republikaner übergaben die Festung an die Truppen des Kartätschenprinzen. Aber Ehre kennt der Preuße nicht.

Weißt du, ich kenne dich. Ich sehe dich vor mir, wie du sie besuchst hast. Den Familien vorgespielt hast, wie sehr dich das Leid ihrer Söhne, ihrer Brüder und Väter rühren würde. Und du kenntest die Wege, sie freizubekommen. Ihnen Zeugnisse zu verschaffen, dass sie keine Revolutionäre seien. Nur gezwungenermaßen mitgezogen sind, hier, sehen Sie, dieses Papier, wenn zwei Zeugen es unterschreiben, ist es der Schlüssel, der die Kerkertür Ihres Mannes aufspringen lässt.

Natürlich muss ich die Zeugen entlohnen, Sie verstehen? Den Faller, den hab ich rausgeholt und spaziert er jetzt nicht wieder durch Freiburg? Unangefochten, braver Bürger und selbst die preußischen Offiziere grüßen ihn?

Na also, so kann Ihr Sohn auch bald zurückkommen. Natürlich ist es nicht billig, die Zeugen kosten.

Schscht, nur ruhig. Ich hole die Decke, sie sollte jetzt voll Eis und Schnee sein. Sie wird dich weiter kühlen, mein Schatz. Üb immer Treu und Redlichkeit bis in das kühle Grab. Das Grab, ja, das wartet auf dich.

Die anderen, die kein Geld hatten, die hast du nach Amerika verkauft. Der Großherzog, der großherzige Großherzog wollte sein Land säubern vom Abschaum der Demokraten. Wer nur im Verdacht stand, ohne dass es Beweise gab, den zahlte er aus. Wenn er das Land verließ.

Weißt du, wie viele gegangen sind? Mein Joseph ist jetzt fort, den hast du umsonst befreit. Heirate mich und ich sorge dafür, dass Joseph freikommt. Hab ich getan, ich Närrin, ich hatte geglaubt, dass du es tust, weil du mich liebst. Dass du nur liebst, was du prügeln kannst, ach, was war ich doch für ein Lämmchen!

Tu nicht so, der Hieb war gar nicht so schmerzhaft. Und lug nicht zur Tür, Pauline wird nicht kommen. Ich habe ihr freigegeben, sie wollte doch immer ihre Mutter besuchen, nicht wahr? Jetzt ist sie in Kandern. Aber auch sonst würde sie nicht kommen. Sie kennt die Geräusche hier in dieser Kammer. Sie ahnt, was vorgeht. Hast du nicht auch hin und wieder damit geprahlt? Bei den Besäufnissen im Casino? Venus im Pelz? Der de Sade liegt ja auf dem Nachtisch. Zwischen den Hieben hast du daraus vorgelesen. Bis sich dein Samen über mich ergoss. Anders kannst du ja nicht.

Die Preußen waren froh, dich zu haben. Einer muss ja den Bluthund machen. Muss in die Wohnungen gehen, den Menschen sagen, dass sie gehen müssen und dafür Geld bekommen. Nicht viel, denn die größten Batzen hast du behalten. Einer muss ja mit den Spitzeln reden, mit denen kein ehrbarer Major von Treskow sprechen würde. Einer muss sie auszahlen und aushorchen.

So genau wollte der Major das alles nicht wissen. War froh, dass du das erledigt hast. Dass du deine Ohren überall hattest, das Netz der Spione aufgebaut hast für die Preußen, für die Offiziere, denen die Ehre das verbot.

Feinde, die sich ergeben hatten, zu erschießen, das verbot ihnen die Ehre freilich nicht. Sie im Kerker an Typhus und Cholera verrecken zu lassen, sie aufgrund deiner Denunzianten aus dem Amt zu jagen, auch nicht. Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Doch dann wurde das Leben wieder normal, man brauchte dich nicht mehr. Du bist immer noch Leutnant, die Kameraden vom Adel wurden befördert. Das hat dich wahnsinnig gemacht, eine Beförderung an dir vorbei und du hast dich an mir ausgetobt.

Ja schau nur, versuch nur, etwas zu sagen, es geht nicht. Der Knebel sitzt zu fest. Du hast lange genug den Menschen das Reden untersagt, jetzt musst du selber schweigen.

Gefällt dir das? Nur anzuhören, was jemand anders dir sagt? Und nichts entgegnen zu können?

Joseph hast du verjagt, den hatte ich so geliebt. Immerhin, du hast ihm die Flucht aus dem Kerker ermöglicht und ich habe dich, wie abgesprochen, dafür geheiratet. Vater hatten sie schon entlassen, er hatte kein Geld und du hast ihn aus den Geheimfonds finanziert und ihm eine neue Stelle verschafft. Meinst du wirklich, ich hätte das nicht gewusst? Warum Vater mir sagte, ich müsse einen preußischen Leutnant heiraten?

Ach was, auch dieser Hieb war nicht so schlimm. Und du zitterst, das gefällt mir. Das heißt, dass es nicht mehr lange dauern kann. Gut, dass draußen bitterer Frost herrscht, dass der eisige Wind durchs offene Fenster bläst.

Kannst du mich noch hören? Oder fantasierst du schon, bist schon in einer anderen Welt? Dein Mantel ist warm, ein wunderschöner Fuchspelz, er lässt mich die Kälte ertragen. Und wenn ich ihn verkaufe, verschafft er alleine mir das Ticket nach Amerika. Auch dein Haus werde ich zu Geld machen, sobald das hier vollbracht ist.

Nein, du musst nicht den Kopf schütteln. Ich weiß, was du denkst. Dass der Regimentsarzt den Totenschein nicht unterschreibt, sondern den Mord entdecken wird. Dabei hat der Arzt mich auf die Idee gebracht. Heizen Sie gut ein, das Fenster zu und kein Zug, hat er mir vorgestern gesagt, als du so schlimm gehustet hast. Ich liebe diesen Mann.

Du Armer. Er wird nur einen kurzen Blick auf dich werfen und unterschreiben. Galoppierende Schwindsucht. Daran sind auch viele in Rastatt gestorben.

Der Arzt wird froh sein, dich los zu sein. Genau wie die anderen Offiziere, wie die Beamten, wie alle, denen du gedient hast. Sie haben dich gebraucht, sie haben dich benutzt, du hast deine Pflicht getan, der Mohr kann gehen.

In Amerika sind sie frei, hat mir Joseph geschrieben. Der Schurz, der Hecker, der Sigel, der Struve leben dort. Alle die revolutionären Kommandanten, die vor den Preußen fliehen mussten, sonst hätten die sie erschossen. St. Louis ist eine freie Stadt, du kannst lesen, was du möchtest, du kannst sagen, was du denkst und mehr Deutsche als in Freiburg leben dort. Sie haben sogar einen eigenen Namen für die Geflüchteten: Forty-Eighters.

Ja, wirf dich nur hoch, das glaube ich, dass es dich wurmt. Der Joseph hat mir geschrieben. Nach Straßburg, dort gibt es nicht die Briefzensur und der Jud hat es mir von dort gebracht. Der hasst die Preußen auch.

Du fühlst dich kalt an, Liebster. Liebster, ja, so liebe ich dich. Nach all den Jahren, nach allem, was du mir angetan. Hilflos auf dem Bett, deine Stirn ist schon ganz kalt. Du wehrst dich nur noch schwach. Die Striemen sind sichtbar, aber wen kümmert's. Deine kleinen Vorlieben kennen alle.

Ich glaube, jetzt werde ich dich losbinden. Die Ketten in den Schrank, dort wo du sie immer verwahrt hast. Und den Arzt rufen. Ich werde ihm heißen Wein kredenzen. Schließlich ist es draußen kalt. 

(C) Hans Peter Roentgen

Historischer Hintergrund

1848/49 gab es in Deutschland eine demokratische Revolution. Nur in Baden war sie erfolgreich, der Großherzog floh 1849 und rief die preussische Armee zu Hilfe. Die schlug die badische Armee, belagerte Rastatt, bis es sich ergab und sperrte die Aufständischen, die sich ergeben hatten, in den Kerker, hohe Offiziere wurden erschossen. Viele starben im Kerker an Typhus, Ruhr und anderen Krankheiten.

Bis 1851 galt das Kriegsrecht, man durfte Revolutionären keine Schulden zurückzahlen, die Abonnentenkarteien demokratischer Zeitungen wurden beschlagnahmt und ausgewertet. Die badische Armee wurde aufgelöst und unter preussischer Führung eine neue Armee aufgebaut. Zehntausende Aufständische flohen, meist nach Amerika, andere wurden bezahlt, um das Land zu verlassen. Ca 8% der Bevölkerung sollen damals Baden verlassen haben. Auch aus anderen deutschen Ländern flohen viele.

In St. Louis lebten danach 60.000 Deutsche, viele davon dienten im amerikanischen Bürgerkrieg in der Armee der Nordstaaten. Franz Sigel, der ehemalige Verteidigungsminister der badischen Republik, hat Abraham Lincoln unterstützt und diente unter ihm als General. Hecker, Schurz, Struve waren weitere süddeutsche Revolutionsführer, die nach Amerika gingen.

Ein preussischer Offizier durfte nur heiraten, wenn er eine „standesgemäße“ Lebensführung garantieren konnte. Dazu reichte das Leutnantsgehalt nicht aus, weswegen ein Leutnant von seinem Vorgesetzten nur dann die Erlaubnis zum Heiraten erhielt, wenn er entsprechendes Vermögen vorweisen konnte.