Worte, die wirken

Worte, die wirken

Gans mit roten Beeren

aus: Badische Grabschäufele, Anthologie, Hrsg Anne Grieße

Die Soße sah aus wie Plastiksprengstoff und so schmeckte sie auch. Die Gans war angebrannt und die Wohnung roch danach.

Das war meine erste Gans damals. Heute weiß ich, dass man das Fett regelmäßig abschöpfen und die Gans mit Rotwein übergießen muss. Plastiksprengstoff stelle ich nicht mehr her. Und auch die Fülling besteht nicht mehr nur aus Äpfeln.

Steffi hätte die Gans gemocht. Sie war unser Kücken, damals, Anfang der Siebziger, und aß alles, was ich kochte. Mein Essen schätze sie. Mich leider nicht. Und heute ist sie nicht dabei, obwohl sie meine Füllung aus Obst, Beeren und Kastanien sicher genießen würde.

Dafür kommen die anderen. Seit fünfzehn Jahren brate ich Gänse. Immer an Martini, am 11.11. Das lasse ich mir nicht mal von Martin ausreden. Martin schätzt es gar nicht, wenn man seine Wünsche nicht respektiert. Er ist das nicht gewohnt. Wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, hat nichts zu lachen.

Nur bei der Gans macht er eine Ausnahme. „An Martini oder gar nicht“, habe ich ihm erklärt und seine Termine muss der Freiburger Reich-Ranitzki eben verlegen, wenn er mitessen möchte.

Diesmal habe ich einen teuren Wein gekauft. Rot wie die Bandiera Rossa, die rote Fahne, von der wir damals sangen und fast genauso alt. Nicht von Aldi. Martin wird das schätzen. Toskana, eine Weinbaugenossenschaft, auch von ehemaligen Genossen. Wohin hat es uns alle verschlagen, die wir damals linken Ideen anhingen? Heute keltern wir Wein, schreiben Zeitungsartikel oder programmieren Webseiten. Und tief im Innern, dort, wo wir die alten Ideale begraben haben, dort trauern wir um die große Zeit, als wie alle eine Familie waren und sicher, dass uns die Zukunft gehören würde. Und dass sie ganz anders sein würde als das Land unserer Eltern.

Ich habe Steffi verehrt. Sie verehrte Martin. Und wir alle waren ihr großes Vorbild. Sie war ja erst dreizehn und wir so ganz anders, nicht spießig, sondern aufregend und es gab Hasch und Mari Jane, Marihuana. Junge Mädchen konntest du damals damit beeindrucken. Martin hatte auch LSD, Lucy in the Sky with Diamonds.

Ich schütte die tiefgefrorenen Johannisbeeren, Himbeeren und Brombeeren in die große Schale. Sie werden viel Saft abgeben, sobald sie auftauen. Bananen dazu und Rosinen. Dann schneide ich die Äpfel klein, zwei Boskop, zwei Golden Delicious. Etwas Rotwein darüber, damit die Äpfel nicht an der Luft braun werden. Und eben die Kastanien.

Jetzt ziehen lassen. Ich setzte mich hin, für heute abend ist die Arbeit fertig. Morgen werde ich die Gans füllen. Doch dann fällt mir noch der Obstler ein, ich hole ihn und gieße ein großes Glas zu den Früchten. Sonst tue ich das nicht, aber morgen kann es gar nicht genug Alkohol sein.

André hat es mir erzählt, da lag er schon in der Klinik und der Tod schaute aus seinen Augen. André war mein bester Freund und vor drei Tagen wurde er begraben. Die Nieren, sie bekamen keine Flüssigkeit mehr, vertrockneten und das Wasser sammelte sich im Bauch. Ich komme in das Alter, in dem ich Todesanzeigen studieren sollte und immer weniger Menschen reden mich mit meinem Spitznamen an: Schnüffi.

André, warum hast du es mir nicht früher gesagt?: Martin hatte seinen Stoff als Lockvogel benutzt. Heute glaube ich, dass er selbst nie LSD genommen hat. Eine Honigfalle, Sex gegen Stoff. Obwohl das eigentlich gar nicht nötig war. Trotzdem hat er Steffi auf dem Gewissen. Jetzt weiß ich das.

Damals briet ich noch keine Gänse. Aber die Idee mit dem Obst und dem Fleisch hatte ich schon. Hackfleisch anbraten, Kartoffeln, Paprika und Beeren dazu. Stefans Special nannte Steffi das. Stefan und Steffi, unsere Namen passten so gut, aber es klappte nie mit uns.

Ich trinke den Rotwein aus, genehmige mir noch einen großen Obstler und dann geht es ins Bett. An Morgen will ich jetzt nicht denken, sondern schlafen. Also gut, noch ein Obstler, sicher ist sicher. Und Prost auf dich, Steffi, ruhe in Frieden, und auf dich, André, bald komme ich auch.

 

Am Morgen sitze ich vor meiner Teekanne, trinke eine Tasse nach der anderen und starre aus dem Fenster. Das Fenster starrt zurück, als wolle es mir die Vergangenheit zurückspielen. Steffi, tat es weh, als du gesprungen bist? Du warst erst dreißig, aber hörtest Stimmen. Und die kamen aus dem Radio und beschimpften dich. Das hast du erzählt, wenn du die Tabletten nicht genommen hast.

Der Obstler ist leer, aber den Wodka habe ich nicht angebrochen gestern abend und das ist gut. Denn den brauche ich noch. Steffi, ich habe es wirklich erst vor kurzem von André erfahren! André, warum hast du es mir nicht früher gesagt?

Ich stehe auf und fühle mich, als wäre ich achtzig. Martin hat mich nie ernst genommen.

Das Fett am Steiß der Gans schneide ich weg. Ich setze die Sauce an, Honig, Rotwein, Sambal Oelek und Senf, vermische es und pinsele damit das Innere der Gans aus. Dann schöpfe ich das Obst ab und fülle die Gans. Verschließe sie mit Spießen. Jetzt noch die Haut außen mit der Sauce einpinseln.

Dass mein Papa Schweißer war, gefiel allen. Arbeiter waren unter linken Studenten so beliebt wie heute die schwedische Königsfamilie im Goldenen Blatt. Mit meiner Tankwartlehre gehörte ich zum Adel, um den sich die SdAJ, die Jugendorganisation der DKP, bemühte. Ein revolutionäres Subjekt, ich war konkurrenzlos unter all den Studenten und Gymnasiasten. Weswegen Chris mit mir ins Bett stieg. Dass sie mit dem Proletariat schlief, verschaffte ihr ungeahnte Orgasmen.

Doch später war sie mit Chris zusammen. Der ist jetzt umgeben von jungen Dingern, die glauben, sie könnten Karriere als Literatin machen, wenn sie zu dem Freiburger Reich Ranitzki ins Bett steigen. Der Mundgeruch hat und einen Bauch, als wäre er im neunten Monat. Chris tut, als würde es sie nicht stören.

Heute nacht wird Martin bezahlen. Locke wartet schon, ich habe ihm einen Hunni in die Hand gedrückt und wenn er um zwei vor der Tür steht, kriegt er mehr.

Steffi sprang aus dem Fenster im neunten Stock und Martin ist schuld.

Heute bin ich wieder der ungebildete Prolet, keinen Sinn für Literatur, liest nur Krimis und die kauft er auch noch bei Amazon. Heute bin ich kein revolutionäres Subjekt mehr.

Aber die Gans lockt sie dennoch. Sie werden kommen. Wie jedes Jahr.

Früher war ich ihr Star. Bis zu der Sache mit Biermann.

Der Früchtecocktail hat bereits Saft gezogen. Die Beeren sind aufgetaut. Ich gebe etwas Honig dazu, den hatte ich vergessen. Nicht zuviel, nur eine Spur und eine Stange Vanille.

Ober- und Unterhitze, Umluft, 180 Grad. Die Gans unter Flügeln und Beinen mit der Gabel einstechen, damit das Fett ablaufen kann. Den Rotwein mit Kräutern der Provence mischen, den Vogel in den Bräter legen, mit dem Gemisch übergießen und mit Alufolie abdecken, damit er nicht austrocknet.

Biermann, das war dann das Ende, das Ende meiner Karriere als revolutionäres Subjekt. Martins Girlies wissen vermutlich nicht einmal, wer Biermann war. Ich vergesse immer, wie viele Jahre mittlerweile vergangen sind. Damals war ich sechsundzwanzig, nächstes Jahr werde ich pensioniert. Fast vierzig Jahre liegen dazwischen. 1976 lag der zweite Weltkrieg nur dreißig Jahre zurück und schien mir doch weit, weit weg. Und Biermann ist für junge Leute heute so weit weg wie für mich damals die Kriegsjahre.

Biermann war ein Liedermachen. Einer, der in der DDR wegen seiner kritischen Lieder Auftrittsverbot hatte. Und ausreisen durfte er natürlich nicht. Wollte er auch nicht, er liebte die DDR, auch wenn er sie verspottete.

Dann hat ihn die IG Metall zu einem Konzert in die Bundesrepublik eingeladen. Niemand glaubte, er würde eine Ausreisegenehmigung bekommen, doch Honecker genehmigte das. Warum, wurde bald klar. Denn nach dem Konzert haben sie ihm die Wiedereinreise verboten und ihn ausgebürgert.

Er wollte zurück, glaubte an das andere, das bessere Deutschland und das sah er in der DDR. Keine Nazis in den leitenden Positionen wie in der Bundesrepublik, stattdessen Leute, die unter Hitler im KZ gesessen waren. Er wollte zurück.

Martin und ich wollten, dass sie ihn wieder aufnahmen. Ausbürgerung und Einreiseverbot, das gab es bei den Nazis, aber doch nicht in einem sozialistischen Staat! Wir organisierten eine Unterschriftensammlung, die wir Honecker schicken wollten. Um ihn zu bitten, die Ausbürgerung zurück zu nehmen und Biermann wieder einreisen zu lassen. Es war ein höflicher Text, damals bat man den Regierungschef noch untertänigst, wenn er der Chef eines sozialistischen Bruderlandes war.

Doch schon die Bitte war zuviel. Das war Verrat, das nutzte den Feinden, den Rechten. Chris hat getobt.

Die Zeitschaltuhr stelle ich auf dreißig Minuten und setze mich wieder an den Tisch. Der Tee ist alle, ich setze neuen auf.

Steffi war so jung und so gierig auf das Leben. Und Leben, das waren wir für sie. Schon erwachsen, doch cool. Obwohl man das damals noch nicht cool nannte. Höchstens fortschrittlich und progressiv. Und Martin hat das ausgenutzt.

Ich schäle die Kartoffeln. Sieben Leute, da sollten zwei Kilo reichen. Früher waren wir acht, da war André noch dabei. Die Uhr klingelt, ich hole die Gans heraus, vorsichtig, aber noch ist es nicht problematisch. Wenn sie länger im Rohr war, muss ich aufpassen, dass sie nicht einreißt. Dann gieße ich das Fett ab, das schwimmt oben. Langsam, das Fett kommt in eine eigene Schüssel und die Sauce soll sich nicht damit vermischen, sonst habe ich wieder Plastiksprengstoff. Etwas Sauce lasse ich drin, die Gans wieder in den Bräter und mit dem Rotwein übergießen.

Wieder zurück ins Rohr. Die Küche hat sich aufgeheizt, jetzt kann ich der Gans eine Dreiviertelstunde im Rohr gönnen, bevor ich erneut das Fett abschöpfe und sie mit Rotwein übergieße.

Biermann hatte die Arbeiterklasse beleidigt und deshalb wurde ihm die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt. Die SED war die Partei der Arbeiterer und deren Leitung die Kommandozentrale. Deshalb hörten alle auf ihr Kommando. Deshalb darf man in der SDAJ nichts organisieren, ohne dass die Leitung es anordnet. Eine nicht genehmigte Unterschriftensammlung, die Honecker bittet, Biermann wieder einreisen zu lassen, ist ein Anschlag gegen den Sozialismus. Damit war Schluß mit multiplen Orgasmen in meinem Bett, weil ich kein revolutionäres Subjekt mehr war.

Martin übte Selbstkritik, zog seine Unterschrift zurück und distanzierte sich. Bei einem DKP Verlag bekam er seinen ersten Verlagsvertrag. Einige Zeitungen besprachen sein Buch. Und Chris stieg mit Martin in die Kiste. Cherchez la femme sagen die Franzosen und sie haben recht, obwohl das heute keiner mehr wahrhaben will.

Heute gibt es immer noch die SDAJ. Manchmal sehe ich ihre Aufkleber an Ampeln und ich werde ganz nostalgisch. Man sollte sie unter Naturschutz stellen wie die aussterbenden Tierarten. Ich wette, das eigene Denken ist dort nach wie vor fortschrittsfeindlich.

Die Kartoffeln sind fertig. Butter dazu, Milch und mit dem Pürierstab hinein, bis der Kartoffelbrei sämig ist. Äpfel kleinschneiden, mit etwas Wasser und wenig Zucker und Zimt aufsetzen. Die Äpfel sind bald gar, sie brauchen nur fünf oder zehn Minuten und dann werden sie auch gequirlt. Natürlich könnte ich Apfelmus aus dem Glas nehmen und Kartoffelbrei aus der Tüte, das wäre viel weniger Arbeit. Aber das Gänseessen ist mein Tag der Nostalgie.

 

Marion kommt als erste, das war auch damals schon so. Ich mische das Apfemus mit dem Kartoffelbrei im Verhältnis eins zu eins und schmecke es ab. Ein bißchen mehr Apfelmus muss ich noch hinzufügen.

Willi kommt kurz darauf, umarmte Marion, Küsschen links, Küsschen rechts, setzt sich und erzählt, dass er vor einem Monat drei neue Steents am Herzen bekommen hat. Eigentlich soll er Fett meiden, aber heute wird er eine Ausnahme machen. „Und Obst ist gesund“, fügt er hinzu und leckt sich die Lippen.

Martin und Chris kommen zusammen und ich frage mich, ob Martin nicht mehr genügend Frischfleisch aus dem Literaturclub bekommt. Vielleicht ist er aber auch nostalgisch gestimmt und gibt deshalb Chris ihre Chance?

Ich tische die Gans auf, Himmel und Erde und für die, die weder Himmel noch Erde lieben, gibt es Baguette. Fred kommt zu spät, wie üblich, und bringt seine neueste Flamme mit. Sie ist schwanger und es ist Freds fünftes Kind, mit vier Frauen. An ihm liegt es nicht, wenn die Deutschen aussterben.

Sie erzählt, dass Fred ihr geholfen habe, sich endlich von ihrem Mann zu trennen und ihm die Kinder zu überlassen. „Endlich!“ sagt sie und ich gebe ihr anderthalb Jahre mit Fred. Na gut, vielleicht auch drei, Fred ist schließlich auch über sechzig.

Martin schaut Fred giftig an, Fred ist ein schöner Mann, groß, schlank, mit dunklem lockigen Haar, das immer noch voll ist. Frauen lieben ihn, dass sein Intellekt nicht ganz so bemerkenswert ist wie sein Körper, stört sie nicht. Dass seine Treueschwüre nicht länger halten wie Billigstrümpfe vom Discounter beklagen sie erst, wenn es vorbei ist.

Ich hole die Geflügelschere, sie ist scharf geschliffen. Gänse zu zerteilen, ist nicht einfach. Aber der Geflügelschere kann diese hier nicht lange widerstehen.

Martin hat sich bereits vom Rotwein eingeschenkt und strahlt Zufriedenheit aus. Gut so. Das wird dein letzter Abend, an dem du deine Selbstzufriedenheit zur Schau stellen kannst. Er ereifert sich über Regiokrimis, die es jetzt auch in Freiburg gibt und beklagt den Untergang der Literatur. Solche Klagen stimmt er gerne an und davon kann er gut leben. Der Untergang des Abendlandes ist in literarischen Kreisen immer gerne gesehen.

Aber heute wird noch etwas anderes untergehen.

André hat mir erzählt, dass Martin Steffi Mari Jane und LSD verschafft hat. Sie hat es regelmäßig konsumiert und deshalb hörte sie dann Stimmen, als sie dreißig war. Die Ärztin hat ihr Psychopharmaka verschrieben, aber die hat sie nur unregelmäßig genommen. Psychopharmaka waren auf der schwarzen Liste in den Neunzigern und Martin hat ihr die ausgeredet. Was die Stimmen gefreut hat.

Sie sprang aus dem Fenster und war sofort tot. Neunter Stock in Weingarten und André sagte: „Gott sei Dank, so hat sie nicht lange gelitten.“

Der Abend schreitet voran, ich trinke heute keinen Rotwein. Ich muss wach bleiben. Natürlich fällt es auf, aber ich entschuldige mich mit einer Therapie, die ich im Vagen lasse. Das versteht heute jeder und alle breiten begeistert ihre Leiden aus, was die Ärzte sagen und wie unfähig diese sind und wie knapp sie dem Tod von der Schippe gesprungen sind.

Martin, du wirst bald noch ganz andere Leiden beklagen können, aber ich glaube nicht, dass du sie öffentlich erzählen wirst. Nein, das glaube ich nicht.

Er hat schon etliche Gläser intus, seine Sprache klingt verschwaschen und Chris schaut bös. Als er sich erneut ein Glas einschenkt, sagt sie leise: „Martin“, aber Martin lacht nur und meint: „Man lebt nur einmal!“ Wie recht er doch hat, weiß er noch gar nicht.

Ich würde ihm ja gerne Wodka in den Wein schütten, doch das würde auffallen. Der Wodka muss warten.

Dann lehnen sich alle zurück, ich bringe die Reste hinaus und Marion hilft mir. Chris schwört auf die Gleichberechtigung und würde niemals Geschirr anrühren. Und Martin steht weit über so niederen Dingen wie Teller hinauszutragen.

Ich hole die Obstschalen aus dem Schrank, Marion füllt sie begeistert. Ich drücke ihr die Vanillesauce und die Schlagsahne in die Hand und endlich geht sie aus der Küche. Schnell den Wodka in die eine Schale, noch einen extra Nachschlag von dem Obst und ich trage drei Schalen ins Eßzimmer. Die mit dem Wodka bekommt Martin, Chris und Marion die anderen. Marion läuft schon wieder in die Küche und holt die anderen Schalen.

Martin strahlt und schüttet sich reichlich Vanillesauce über seinen Obstsalat, dass die große Schale fast überläuft. Chris stoppt es im letzten Moment.

„Kaffee? Espresso?“ schlage ich vor und Martin, Chris, und Willi wählen Espresso, Fred und Freds neue Flamme möchten Kaffee.

Marion folgt mir wieder in die Küche. Ich setze den Espresso auf und den Kaffee. Marion schicke ich mit der Milch und den beiden Kaffeetassen zurück und ich gieße die Tropfen in den Espresso. Jetzt nur nicht die Tassen verwechseln. Aber alles funktioniert.

Wir reden von alten Zeiten. Was bleibt uns anderes übrig? Martin schwärmt von früher, als Literatur noch etwas galt und ich denke an sein erstes Buch im DKP Verlag.

 

Willi, Fred und seine neue Flamme verabschieden sich und Marion will unbedingt abwaschen. Ich verbiete es ihr. Leicht beleidigt geht sie auch.

Chris drängt zum Aufbruch. Aber Martin hat sich wieder das Glas gefüllt. „Ist das wirklich nötig?“, zischt Chris.

„Du kannst auf dem Sofa schlafen“, schlage ich vor. Die KO-Tropfen wären vermutlich gar nicht nötig gewesen. Er sackt zusammen und ich helfe ihm aufs Sofa.

Chris kocht. „Dieses Arschloch!“, faucht sie.

„Keine Angst, ich passe auf ihn auf. Du kannst ganz beruhigt gehen!“

„Beruhigt? Beruhigt ist anders“, sagt sie, aber sie geht in den Flur und zieht ihren Mantel an. Dann umarmt sie mich, was sie immer tut, und küsst mich auf den Mund, was sie sonst nie tut. „Du bist lieb“, sagt sie, aber ich nehme es nicht ernst, sie hat auch einiges getankt.

Sie bleibt in der Tür stehen und schaut mich nachdenklich an.

„Keine Angst“, sage ich, „ich lass ihn schlafen und morgen schick ich ihn samt Kater zu dir zurück.“

Sie zuckt mit den Schultern, lacht leicht verzweifelt auf und sagt: „Außerdem bist du dumm!“ Dann geht sie.

Ich gehe zurück ins Zimmer. Martin schnarcht mit offenem Mund. Ich rufe Locke an und hoffe, dass er ansprechbar ist. Er wohnt im Nachbargebäude im Keller und ja, er ist ansprechbar.

„Hast du den Stoff“, fragt er und ich glaube, er ist fast schon auf Turkey. „Natürlich“, versichere ich ihm.

Kurz darauf klingelt es, ich halte die Pastiktüte mit dem weißen Pulver bereit und einen Hunni auch. Er dreht ihn zusammen, zieht eine Linie mit dem Stoff und inhaliert mit dem zusammengedrehten Geldschein. Erleichtert seufzt er auf.

„Fünfhundert“, sagt er. „Fünfhundert hast du gesagt!“

„Fünfhundert“, sage ich. „Fünfhundert, wenn es vollbracht ist.“

Er holt die Spritze raus und das Band zum Abbinden. Locke zittert etwas, aber ich helfe ihm, beim Abbinden des Arms. Er zieht sein Blut auf und dann binden wir Martins Arm ab und injezieren ihm das Blut.

„Sollte reichen“, erklärt Locke. „Also her mit der Kohle!“

„Und du hast wirklich AIDS und Hepatitis“, frage ich.

„Brauchste `n Attest oder was?“ Er kommt drohend auf mich zu.

Ich beeile mich, die fünfhundert herauszuziehen. Er grabscht sie aus meiner Hand. Die Plastiktüte mit dem restlichen Stoff hat er schon eingesteckt.

„Wenn de wieder mal Blut brauchst, sag Bescheid.“ Er grüßt mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Immer zu Diensten, Kumpel.“

Und dann geht er schnell.

Ich gehe in die Küche, wasche die Teller ab, trockne ab und lege das saubere Besteck in die Schublade. Martin mit AIDS und Hepatitis.

Ich trockne auch die Geflügelschere ab und dann betrachtet ich sie. Schön scharf ist sie. Nichts kann ihr widerstehen. Ich gehe mit ihr ins andere Zimmer und setze mich auf den Stuhl gegenüber dem Sofa. Klappe die Schere auf und zu.

AIDS dauert ja. Aber ist nicht angenehm. Andererseits, die Schere lockt.

„Steffi“, sage ich. „Steffi, warum bist du wirklich gesprungen?“

Was für eine Frage, ich weiß, warum sie gesprungen ist. Weil Martins Drogen sie verrückt gemacht haben.

Martins Schnarchen bricht ab.

„Steffi“, sagt er. „Steffi wollte nie mit mir schlafen.“ Seine Stimme klingt vorwurfsvoll.

Dann öffnet er die Augen. Er starrt auf die Geflügelschere, die sich öffnet und schließt.