Worte, die wirken

Worte, die wirken

Interviews mit 7 Literaturagenten

Literaturagenten dienen Verlagen als Scouts, den Autorinnen und Autoren als Makler auf dem Literatur­markt.  Ich habe deshalb sieben der renommiertesten deutschen Literaturagenten dieselben Fragen gestellt. Die wichtigsten Fragen – Was gehört ins Exposé? Und was gehört nicht hinein – werden hier beantworte.

Die Interviews stammen aus dem Buch „Drei Seiten für ein Exposé“, dort finden Sie auch die gesamten Interviews mit weiteren Fragen und Antworten.

Frage: Was wollen Sie einem Exposé entnehmen? Was muss auf jeden Fall drinstehen?

Uwe Neumahr (AVA): Ein Exposé sollte mir zunächst möglichst knapp einen Geschmack der Geschichte beziehungsweise des Buchprojekts vermitteln. Ich habe es gerne, wenn ich erst eine Art Klappentext und dann eine ausführliche 2-3-seitige Inhaltsangabe des Projekts bekomme. Also erst mal so eine Art werblicher Appetizer, in dem schon die einschlägigen Codewörter enthalten sind. Ich muss erkennen können, ob es sich um Genre-Literatur handelt oder ob der Text außerhalb des Genres liegt. Ob es gehobene Literatur ist, etc. Dann wäre da die Erzählhaltung. Auch die sollte schon im Exposé angedeutet werden. Ist der Stoff ernst, ist er heiter, ist er mit Augenzwinkern geschrieben, ist er experimentell? Ich kann nur empfehlen, ein originell geschriebenes Exposé abzuliefern. Denn der erste Eindruck zählt. Ich meine damit nichts Manieriertes oder „gewollt-Originelles“, aber das besondere Etwas sollte ein Exposé im Idealfall haben. Es sollte Lust auf mehr machen. Dann die Formalia: Im Exposé sollte stehen, wie viele Seiten das Manuskript enthält. Die meisten Verlage und Agenturen wollen ja keine Gesamtmanuskripte zugeschickt bekommen, sondern nur Leseproben von ca. 30-50 Seiten. Daraus kann man nicht ersehen, wie viele Seiten das Gesamtmanuskript hat.

Natalja Schmidt: Ein klarer Aufbau ist mir wichtig. Das beginnt mit solchen Dingen wie Name des Autors, Titel des Werks, Umfang des Romans und wie weit das Buch schon fertiggestellt ist. Das klingt jetzt vielleicht trivial und selbst­verständlich, aber ich bekomme eine Menge Exposés, bei denen ich nach diesen Informationen erst einmal suchen muss, im schlimmsten Fall vergeblich.

Nach diesen formalen Angaben sollte eine Beschreibung des Inhalts folgen; so kurz wie möglich und so lang wie nötig. Die Inhaltsangabe sollte keine Cliffhanger und losen Enden enthalten, sondern die Geschichte möglichst chronologisch nacherzählen. Zusätzliche Infos sollten gegeben werden, wenn es das Verständnis erfordert – wenn zum Beispiel die Autorin oder der Autor Autobiographisches verarbeitet, wenn eine neue phantastische Weltschöpfung vorliegt oder dies der erste historische Roman über ein kaum bearbeitetes Geschichtsthema ist.

Andreas Brunner: Bei Belletristik will ich vom Exposé einen kurzen Überblick über den Inhalt und einen Eindruck, wie das Projekt stilistisch einzuschätzen ist (Mass-Market oder gehobene Unterhaltung, anspruchsvoller Text oder leicht lesbar). Das ist für AutorInnen mitunter nicht leicht, da sie oft ein verzerrtes Selbstbild haben.

Im Sachbuch will ich das Thema kurz dargestellt plus Ana­lyse des Marktumfeldes (was gibt es bereits zum Thema?).

Lianne Kolf: Der komplette Inhalt.

Michael Gaeb: Zunächst muss man zwischen einem Sachbuch-Exposé und einem Exposé für einen literarischen Text unterscheiden. Das Sachbuch-Exposé ist etwas ausführlicher, da die meisten Sachbücher auf Basis von Exposés an Verlage verkauft werden, das heißt, noch bevor das Buch tatsächlich geschrieben wurde. Ein Sachbuch-Exposé sollte enthalten: eine kurze Buchbeschreibung, eine ausführliche Zusammenfassung der Thematik, Ton des Textes, Autoreninfo, formelle Angaben wie geplanter Umfang, mögliches Abgabedatum, Zielgruppe, Vergleichstitel, Inhaltsangabe (Auflistung der Kapitel), Leseprobe (z. B. die ersten drei Kapitel des Buches).

Ein Exposé für einen Roman sollte die Handlung und Protagonisten grob skizzieren, die Idee des Buches vermitteln und Lust machen, den Text zu lesen. Auch hier darf die Autoreninfo natürlich nicht fehlen.

Bastian Schlück: Ein Exposé selbst sollte den Plot zusammenfassend wiedergeben, sodass wir die Handlung auf 1-2 Seiten gut nachvollziehen können. Gerne schaue ich mir aber auch ein Konzept an, das ein Exposé beinhaltet: Also, zum Beispiel voranstellend ein Kurzexposé, das den Text in ein/zwei Sätzen charakterisiert, dann – bei einem historischen Roman – den historischen Hintergrund, dann das Exposé, also die inhaltliche Zusammenfassung, gefolgt von einem Überblick über die Charaktere. Bei Reihen kann ein Ausblick auf die Folgebände sinnvoll sein, also eine Kurzzusammenfassung von Band 2 und wie sich die Kon­stellation der Charaktere entwickeln soll. Bei noch nicht fertig geschriebenen Projekten sind Umfang und Abgabetermin wichtige Informationen. Ein Konzept geht von meiner Definition noch über ein einfaches Exposé hinaus.

Holger Kuntze (Agentur Meller): Mich interessiert, um was für einen Stoff es sich handelt, welchen Hintergrund der Autor hat, welche Recherchen er zum Buch unternommen hat, welche Motivation zum Buch geführt hat und mit welchen Autoren sein Werk vergleichbar ist beziehungsweise welche Autoren den Autor beeinflusst haben.

Frage: Und was ist in einem Exposé überflüssig?

Natalja Schmidt: Inhaltlich ist es oft überflüssig beispiels­weise die Vita jeder Nebenfigur ausführlich zu beschreiben. Im Exposé ist zumeist erst mal interessant, in welchem Verhältnis eine wichtige Nebenfigur zu den Hauptprotagonisten steht, nicht, welche Schule sie besucht hat oder welche Haarfarbe sie besitzt. Das gilt auch für redundante Handlungselemente. Reisen lassen sich oft zusammenfassen, ohne jede Station ausführlich zu beschreiben; das Gleiche gilt für sich wiederholende Situationen.

Unnütz ist auch Eigenwerbung im Stil von „meine Freunde und meine Familie haben meinen Roman geliebt“ oder eine längere Analyse dessen, wer nach Meinung des Verfassers was liest („da Frauen keine Epic Fantasy lesen, richtet sich mein Buch an ein männliches Publikum“). Ich hoffe bei jedem Manuskript, welches ich aufschlage, dass es so überzeugend geschrieben ist, dass es jeden Leser ansprechen könnte.

Andreas Brunner: Den Hinweis, dass ich einen zukünftigen Bestseller in Händen halte.

Lianne Kolf: Marketingratschläge für den Verlag.

Michael Gaeb: Man darf sich nicht an Details aufhalten, das heißt, der Handlungsverlauf sollte nicht in all seinen Einzel­heiten beschrieben werden – das wirkt in den meisten Fällen ermüdend, so dass man bereits nach der Lektüre des Exposés keine Energie mehr für den eigentlichen Text hat.

Holger Kuntze: Alles was Agent oder Lektor zum Verständnis des Werkes helfen ist notwendig, entsprechend gibt es meines Erachtens nichts kategorisch Überflüssiges in einem Exposé.

Uwe Neumahr: Zu weitschweifige Personencharakterisierungen, zu viele Worte und eine belehrende, oberlehrerhafte Intention.

Die vollständigen Interviews finden Sie im Buch  „Drei Seiten für ein Exposé“

Beteiligt waren die Agenturen:

Uwe Neumahr von AVA: AVA wurde 1997 von dem Weitbrecht-Verleger Roman Hocke gegründet, vertritt den gesamten Belletristik-Bereich und ist Agent von Sebastian Fitzek, Katharina Timm und Michael Ende.
http://www.ava-international.de/

Natalja Schmidt von Schmidt & Abraham: Die Agentur wurde 2005 gegründet, vertritt Fantasy, historischen Roman, Krimi & Thriller. Christoph Hardebusch und Sabine Wasser­mann werden unter anderem vertreten.
http://www.schrift-art.net/

Andreas Brunner, 2003 aus der Agentur Diana Voigt hervorgegangen, betreut Belletristik-Autoren und Sachbuch­texte, vor allem zu Zeitgeschichte, Politik, Film und Theater. Unter anderem werden die Autorinnen Iris Kammerer und Carla Rot vertreten.
http://www.literaturagentur.at/

Lianne Kolf gründete 1982 ihre Literaturagentur, vertritt unter anderem das Ehepaar Iny Lorentz.
http://www.agentur-kolf.de/

Michael Gaeb gründete seine Literaturagentur 2003, vertritt Literatur, historische Romane, Krimis und Kinderbücher, vertritt zum Beispiel Titus Müller und Kathrin Lange.
http://www.litagentur.com/

Bastian Schlück von der Agentur Thomas Schlück. Die Agentur wurde 1973 gegründet, vertritt neben der gesamten Belletristik auch Illustratoren. Vertreten werden unter an­derem Andreas Eschbach und Christoph Lode.
http://www.schlueckagent.com

Holger Kuntze leitet das Berliner Büro der Michael Meller Literary Agency. Die Agentur wurde 1988 gegründet, vertritt Belletristik, Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch und auch englischsprachige Autorinnen und Autoren, unter anderem Rebecca Gablé und Kai Meyer.
http://www.melleragency.com