Worte, die wirken

Worte, die wirken


Partizipien sind ehemalige Verben,
die den Status des Verbs noch nicht ganz aufgegeben haben

Interview mit Dr. Angelika Jodl

Dr. Angelika Jodl ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. Ca. 4000 Studenten von Fidschi bis Island hat sie bisher die deutsche Sprache beigebracht, beim Autorenforum Montsegur ist sie DIE Fachfrau für Grammatikfragen. Nicht nur, weil sie eine Menge über deutsche Grammatik weiß, sondern auch, weil sie ihr Wissen selten klar und verständlich erklären kann. Auch in ihrem Roman – „Die Grammatik der Rennpferde“, erschienen Mai 2016 bei dtv.premium – spielt Grammatik eine Rolle.

Hans Peter Roentgen: In den letzten Jahren sind Konstruktionen wie „„Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose“ immer beliebter geworden. Um welche Konstruktion handelt es sich dabei? Und welche Funktion hat sie?

Angelika Jodl: Du meinst das „verknüllt liegenden“ vor der „Hose“, ja? Das sind zwei Partizipien. Einmal Partizip II – verknüllt. Das andere Mal Partizip I – die liegende Hose. Partizip I-Konstruktionen haben immer einen aktiven Charakter, soweit man bei „liegen“ von Aktivität sprechen kann. Aber immerhin liegt die Hose, gelegt wurde sie nicht. Beim Partizip II dagegen geht es meist passiv zu: Die Hose wurde verknüllt.

Partizipien sind ehemalige Verben, die den Status des Verbs noch nicht ganz aufgegeben haben, obwohl sie sich inzwischen durchaus wie ein Adjektiv aufführen. Sie partizipieren sozusagen an beiden Wortarten, deshalb heißen sie „Partizip“. Man betrachte die offene Tür und die geöffnete Tür. Adjektiv vs. Partizip. Die Sache ist die gleiche. Aber bei der partizipialen Form schwingt noch die Ahnung mit, dass da jemand war, der die Tür geöffnet hat. Beim Adjektiv gehört das Offensein sozusagen zum Charakter der Tür.

Die Funktion von Partizipien ist die eines Attributs. Attribute erklären einen Gegenstand. Dabei verhalten sich Partizipien genau so wie ein normales Adjektiv: die graue Hose, die verknüllte Hose, die vor Wut verknüllte Hose ... Wie du siehst, sind solche Attribute erweiterbar, prinzipiell bis zur Unendlichkeit: die in einem Anfall grausamer Wut, ausgelöst durch den soeben entdeckten Brief seiner Verlobten, welche ihm mitteilte ... verknüllte Hose. In deinem Beispiel besteht die Erweiterung aus einer Ortsangabe – vor dem Bett. Als Information für den Leser ist das möglicherweise nicht notwendig. Als grammatikalische Konsequenz des Verbs „liegen“ jedoch schon. Wer immer liegt, steht, sitzt – er braucht ein Wo, um das zu tun. Dieses „vor dem Bett liegen“ hat der Autor besonders erwähnenswert gefunden und dazu das „Verknüllte“ als Adverb davor geschraubt. Ist auch das notwendig? Ich weiß es nicht, da ich den Kontext nicht kenne. Sollte ich nur eine Streichung frei haben, würde ich verknüllt behalten, und vor dem Bett liegende streichen, da es weniger plastische Information enthält. Kann aber gut sein, dass es den Text erleichtert, wenn beide gehen.

Hans Peter Roentgen: Was sind deiner Meinung nach die Vor- und was die Nachteile solcher Konstruktionen? Wann sollte man sie besser nicht verwenden, wann entfalten sie Wirkung?

Angelika Jodl: Auf der einen Seite leisten Partizipien eine Verknappung. Die Alternative zu ihnen wäre nämlich ein Relativsatz. Auch Relativsätze erklären ihren Gegenstand, das tun sie aber als Satz – womit sie zwangsläufig um wenigstens ein Wort anschwellen: Die Hose, die verknüllt wurde vs. Die verknüllte Hose. Wegen dieser Verknappungsleistung erfreuen sich Partizipien größter Beliebtheit bei der deutschen Wissenschafts- und Amtssprache. Beide sind stolz darauf, sachlich, objektiv und auf keinen Fall beschwingt oder poetisch daher zu kommen. Nur Informationen bitte, kein Dekor! Als Folge schleppen sich die Sätze in wissenschaftlichen Büchern oder Amtsblättern oft herum, als ginge ihnen gleich die Puste aus. Aus einem wissenschaftlichen Werk, wahllos aufgeschlagen: ... dass die Bedeutung zusammengesetzter Ausdrücke sich aus den Bedeutungen der sie konstituierenden einfacheren Ausdrücke ergibt.[1] Das mag man als Dichte wahrnehmen. Wahrnehmbar ist aber auch die Atemnot, unter der solche Sätze leiden. Weil das Partizip ja immer noch auch Verb ist, kann es Ergänzungen notwendig machen – so wie deine Hose nicht einfach liegt, sondern ihren Ort vor dem Bett braucht. So etwas kann die Parade an Attributen vor dem Nomen gehörig in die Länge ziehen und am Ende das Verständnis erschweren.

Nun mag ich aber durchaus nicht schreibratgeberisch zur Ausrottung von Partizipien aufrufen. Es gibt genügend Texte, wo gerade der Gleichklang durch die Form für einen besonderen poetischen Charakter sorgt. Hier etwa:

...          geboren von der Jungfrau Maria,
            gelitten unter Pontius Pilatus,
            gekreuzigt, gestorben und begraben,
            hinabgestiegen in das Reich der Toten ...

ge- en... ge- en ... ge- en... – Das hypnotisiert doch geradezu.

Oder aus Erich Kästners Doppeltem Lottchen:

 ... der graue Zwerg Heimweh ... zählt die Kindertränen, die geweinten und die ungeweinten.

Ist das in seiner sachlichen Knappheit nicht schöner, als wenn der Autor umständlich erklärt hätte, dass man vor Heimweh manchmal auch nicht weinen kann?

Oder hier aus demselben Buch:

Lotti, der halbierte und vertauschte Zwilling, gerät in wachsende Erregung.

Das könnte man natürlich auch anders sagen: Man hat die Zwillinge halbiert und vertauscht, und nun ... Aber dann wäre der wundervolle, leis-ironische Tonfall weg. Den erreicht Kästner nämlich erstens durch das maskuline Nomen der Zwilling und zweitens durch die so amtssprachlich kühl klingenden Partizipien. Lottis Lage selber ist zum Weinen und hoch dramatisch. Aber ihr Erfinder schlägt einen sachlichen Tonfall an. Diese Ironie rührt doppelt.

Hans Peter Roentgen: Konstruktionen mit Partizipien gibt es ja auch in anderen Sprache. Vor allem das Lateinische ist berühmt dafür. Gibt es Unterschiede zwischen Partizipien im Lateinischen, Deutschen und Englischen? Oder kann man sie 1:1 übernehmen?

Angelika Jodl: Also, dazu musst du eigentlich einen Lateiner oder Anglisten fragen. Ich kann nur sagen, dass in den romanischen Sprachen wie im Englischen Partizipialsätze weit verbreitet sind, was für sich keinerlei Ärger auslöst, bei der Übertragung ins Deutsche aber oft  erst interpretiert werden muss und bei einer direkten Übersetzung meist fürchterlich steif wirken würde: Reading these lines I feel extremely irritated.

Das könnte man zeitlich interpretieren: Während ich diese Zeilen lese ... Oder instrumental: Indem ich ... Oder vorzeitig: Nachdem ich ... Jedenfalls wäre die direkte Übersetzung: Diese Zeilen lesend fühle ich mich extrem irritiert – extrem irritierend, oder?

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

Angelika Jodl bietet auf Ihrem Blog Grammatik in kleinen Häppchen an. Und manches dafür dürfte auch für Deutsch-Cracks neu sein.

 

 

 

 

[1] Helmut Frosch. Indefinitum und Quantifikativum. In: Ludger Hoffmann (Hrsg.) Handbuch der deutschen Wortarten, p. 393.